Das ist der Baum auf dem Friedhof unter dem unsere Mutter vo ein paar Tagen beerdigt wurde. Sie verstarb überraschend und friedvoll im Schlaf im Pflegeheim, heute vor 3 Wochen.
Wir fuhren nach Erhalt der Nachricht ins Pflegeheim um uns von der Körperhülle zu verabschieden. Das Pflegepersonal war sehr einfühlsam.
Das Pflegepersonal und das Pflegeheim davor, empfanden wir als das Gegenteil. Die Corona-Isolationsmassnahmen zum Schutz der Gesundheit der alten Menschen eine menschliche “Vollkathastrophe”.
Keine Physiotherapie, Reduzierung der Betreuerkontakte und wochenlang keine Kontaktmöglichkeit zu Familien und später unzureichend per Skype oder mit 10 m draussen im Park. Eine demenzkranke Mutter, die diese Massnahmen, retraumatisierte. Sie fühlte sich wie im Bunker im Krieg. Sie konnte keinen Kontakt zu uns aufbauen bzw. halten. Sie hatte unsäglich Angst.Und wir keine Möglichkeit diese Angst zu nehmen oder die Retraumatisierung zu verhindern oder zu verarbeiten mit Ihr.
In einem Skypeanruf im Mai, weinte sie und war verzweifelt und sagte immer wieder, dass wir würden uns nie wieder sehen. Nie wieder. Es war grausam. Sie sagte, sie wolle uns sehen. Jedes Ihrer Kinder. Trost spendete keiner. Die Pfleger sollten ja auch soweit möglich Abstand zu den Bewohnern halten. Maskiert, in Vollschutzmontur, nebst Handschuhen. Auch als längst klar war wie die Infektionübertragung funktioniert. Es war grausam für Sie und uns. Kein Physiotherapeut, der mit den alten, kranken Menschen Übungen zur Erhalt der Beweglichkeit und zur Mobilisierung gemacht hätte.
Als wir unsere Mutter aus dem Heim holten, um sie umzusiedeln waren wir sehr erschrocken. Die Beine hatten einen 90 Grad Winkel und kaum Spielraum in der Bewegung. Bevor die Massnahmen begannen, lief sie mehrere Stunden am Tag durch die Gegend. Was war geschehen? Ich weiss es nicht. Ich kann nur mutmassen. Und das was sich in meinem Kopf an Möglichkeiten abspielt, möchte ich hier nicht kundtun, denn das ist menschenunwürdig.
Gut, dass wir Sie aus dem ehemaligen Heim mit Coronaschnelltest rausholen konnten und umsiedeln. Wir hatten Glück. Sie hatte Glück. Nach so langer fruchtbarer Zeit. Uns brach es das Herz zu sehen, was diese Monate mit Ihr gemacht hatten. Wie es sie verändert hat. Weniger klar im Kopf, war sie nicht als wir sie abholten. Sie lachte und freute sich uns zu sehen. Lebendig. Ich hatte es versprochen – wir sehen uns wieder. Ich konnte es halten.
Sie hatte im neuen Heim zweieinhalb Monate, in denen die Depression besser wurde. Die Bewegungsfähigkeit konnte ein bisschen verbessert werden. Das neue Pflegeheim mitsamt den Pflegern waren zugewandt und gaben Ihr Bestes. Ich habe sie noch vor 6 Wochen besucht (300 km weit weg von meinem Wohnort). Und es war schön zu sehen, dass es ihr wieder besser ging. Dass wir das was wir tun konnten in dieser schwierigen Zeit, getan hatten.
Es bleibt eine Bitternis und ein Unverständis in mir, über das Vorgehen der Politik und das nicht zuende Denken der Massnahmen. Es gibt eine Bitternis in mir über die Zustände in den Pflegeheimen und die unzureichenden Personalschlüsseln, die wiederum aus der Politik kommen.
Ich bin dankbar, dass unsere Mutter so sanft verstorben ist. Ich bin dankbar, dass ich aufgrund meines Berufes meine alten Verletzungen noch zeitlebens meiner Mutter verarbeiten und integrieren konnte.
Wir hatten keinen leichten Start in unserem gemeinsames Leben. Es war traumaüberschattet. Doch ich konnte meine frühen traumatischen Verletzungen verarbeiten und integrieren, so dass ich die letzten 2 Jahre für Sie da sein konnte, so wie es in meiner Macht stand, ohne dass alte Geschichten und Gefühle zwischen uns standen.
Ich bin dankbar, dass Ihr vieles erspart blieb an dem was Demenz im Endstadium eines Tages möglicherweise bereitgehalten hätte.
Sie ist heimgegangen. So wie sie schon lange wollte.
Zu Ihren Eltern.
Es gibt nichts mehr was offen wäre.
Keine Schulgefühle, keine Anschuldigungen. Nur Verbundenheit bleibt. Von Mensch zu Mensch – von Herz zu Herz – auch über den Tod hinaus.
Ich bin dankbar für alles was war. Ich bin dankbar für das Leben.
Ich möchte alle Menschen die noch Eltern haben, ermutigen sich zu Lebzeiten den Verletzungen die entstanden sind, zu stellen und diese zu verarbeiten.
Um dann die Eltern in Frieden loslassen zu können, wenn sie nicht mehr auf Erden sind.
Wenn ich zur Zeit gefragt werde wie es mir geht, kann ich sagen, Gut. Ich lasse mich akiv auf einen Trauerprozess ein und es geht mir damit gut.